Trachtenvergleich

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Moby-Dick

Vor einem Kaffeehaus in Bad Aussee, an diesem Nachmittag regnet es in Strömen. Ich trete durch die Glastür in den Gastraum, mit einem raumfassenden ‚Grüß Gott’ auf den Lippen. Ein Mann auf der Sitzecke gegenüber vom Eingang blickt neugierig hinter seiner Zeitung hervor, seine Augen bleiben länger, als ihm lieb zu sein scheint, an meiner Seemannsmontur hängen. Blauer Kragen, der über den gelben Regenmantel herausragt, weiße Hosen, die in gelben Gummistiefeln enden, auf dem Kopf eine sehr weiße Kapitänsmütze.

Er beobachtet mich dabei, wie ich an der Theke eine Melange zum Mitnehmen bestelle. Als ich den Kaffee entgegennehme, kreuzen sich unsere Blicke. Weil der Mann, Mitte 50, Halbglatze und Brille, eine braun-grüne Trachtenjacke mit Hornknöpfen und ein weißes, plissiertes Hemd trägt, ertappe ich mich dabei, wie ich ihn in einem sehr deutlich imitierten norddeutschen Akzent anspreche: „Und, werden Sie eine Chance haben?“ Der Mann schaut erstaunt, aber interessiert. „Wie sehen Sie denn nun Ihre Chancen?“, setze ich nach, „beim Wettbewerb?“ Absichtlich sage ich ‚Schangsen’ statt Chancen, um wie Otto Waalkes zu klingen. „Bei welchem Wettbewerb?“, sagt der Mann schmunzelnd. „Na, bei dem Trachtenwettbewerb morgen“, entgegne ich und stelle meinen Kaffee auf seinem Tisch ab. „Machen Sie da etwa nicht mit? Sieht gar nicht danach aus.“ – „Ach so, jaja, der Trachtenwettbewerb morgen,“ sagt der Mann, der nun schnell schaltet, „ja, den gewinn’ ich natürlich“, sagt er schlagfertig. „Ja, dann zeich mal her.“, sage ich.

Der Mann steht auf und tritt neben mich. Er mustert mich, ich mustere ihn, wobei uns mittlerweile das ganze Café zuschaut. „Nicht schlecht“, sage ich. „Was’n das für ein Modell?“ frage ich in norddeutschem Singsang. „Original Erzherzog Johann“, sagt der Mann mit der randlosen Brille und macht eine Handbewegung von oben nach unten. An den Füßen trägt er sogar Häferlschuhe, sehr schön geputzt. „Donnerflittchen“, sage ich, betont beeindruckt, „das is ja mal ’n Ding.“ – „Und Du, was trächst Du?“, fragt der Mann, sichtlich vergnügt darüber, dass er mich schadlos nachmachen kann. „Ich trach’ das Modell ‚Moby Dick auf Landgang’. Das is’ unsere Gala-Uniform, wenn es reechnet. Die Regenstiefel (ich sage: Regen-s-tiefel) machen aber doch ’nen schön schlanken Fuß, findste nich’?“

Man macht jetzt Fotos von uns beiden. „Damit wollt’ ich morgen alle aus dem Wettbewerb kicken, aber bei Dir muss ich mich so richtich an-s-trengen, wenn ich das korrekt seh’.“ Der Mann lacht in die Kameras. „Was meint ihr?“, frage ich die umstehenden Gäste, „welche Tracht hat denn nun die besseren Schangsen?“ Alle lachen. „Ich oder er?“ übernimmt nun der Mann, aber niemand will an diesem Nachmittag eine Entscheidung treffen. „Dann bis moin“, sag ich, „möge der Bessere gewinnen!“ Der Mann streckt mir seine rechte Hand entgegen, ich schlage ein, wir schütteln unsere Hände und blicken dabei in eine imaginierte Kamera wie zwei Boxer vor dem Kampf. Dann klopfen wir uns auf die Schultern, und ich nehme meinen Kaffeebecher wieder in die Hand. Mit einem: „Schiff Ahoi, und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!“, salutiere ich in den Raum und mache mich auf zum Ausgang. „Pfiati“, sagt der andere Trachtenmann und setzt sich wieder hin. Er schmunzelt noch immer, als er die Zeitung hochnimmt und vor sein Gesicht führt.

Der Regen draußen hat zugenommen, und mein Kaffee ist nun kalt geworden. Ich knöpfe meinen Regenmantel zu, ziehe meine Mütze ins Gesicht und wünschte, ich könnte wie andere Menschen auch einfach mal nur Kaffee holen gehen… (ps)

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